Überlieferte Lehre und der Zeitgeist

 

14.11.2013 | 18:15 | von MICHAEL ETLINGER (Die Presse)

 

Die Kirche geht auch im neuesten vatikanischen Fragebogen keinen Millimeter von der tradierten Lehre ab.

 

Dass ORF und Printmedien Papst Franziskus zu ihrem neuen Liebling und – vermeintlichen – Reformhoffnungsträger auserkoren haben, ist nichts Neues; wir können das tagtäglich beobachten. Nun ist ein vatikanisches Dokument erschienen, das den Medien scheinbar neue Munition liefert, die Lehre der katholischen Kirche zu Ehe und Familie in ihren Grundsätzen anzuzweifeln.

 

Die Rede ist vom Vorbereitungsdokument für die Bischofssondersynode und trägt den Titel „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“. Folgte man etwa der jüngsten ZiB2-Berichterstattung zu diesem Thema, konnte ein durchschnittlich informierter Zuseher den Eindruck gewinnen, Papst Franziskus stelle mit dem Dokument die Grundsatzlehre der Kirche in Bezug auf Ehe und Familie zur Disposition. Das Gegenteil ist der Fall.

 

 

Reguläre und irreguläre Ehen

 

Wer sich nämlich das Vorbereitungsdokument im Originalwortlaut durchliest (im Internet abrufbar), wird rasch feststellen, dass keinen Millimeter von der überlieferten Lehre abgerückt wird. In Punkt II wird etwa auf die bisherige Lehre der Kirche über die Familie in wichtigen Dokumenten (Enzyklika „Humanae vitae“von Papst Paul VI. bzw. „Familiaris consortio“von Papst Johannes Paul II.) sowie auf die relevanten Aussagen im Katechismus der katholischen Kirche hingewiesen.

 

Dann kann man in der Einleitung von sogenannten „irregulären“ Ehesituationen lesen. Schließlich wird im Fragebogen (Punkt III) dieser Begriff mehrfach aufgenommen und daran generell die Frage geknüpft: „Wie leben die Getauften ihre irreguläre Situation? Sind sie sich dessen bewusst?“ In Punkt VI wird bereits in der Überschrift auf die „irregulären“ Ehesituationen hingewiesen und den „regulären“ Familien gegenübergestellt.

 

Daraus folgt: Bereits aus dem Inhalt des Fragebogens wird ersichtlich, dass die Kirche eine deutliche Unterscheidung zwischen „regulären“ und „irregulären“ Ehe- und Familiensituationen vornimmt. „Political correctness“ sieht anders aus.

 

 

Die Mission des ORF

 

Ein Politiker, der in unserer säkularen westlichen Gesellschaft auch nur den Versuch unternähme, zwischen „normalen“ und „abnormalen“ Familiensituationen zu unterscheiden, sähe sich in derselben Sekunde der Aussage mit einer Empörungswelle der zivilisierten Gutmenschenindustrie konfrontiert.

 

Was Vertreter ehemals christlich-konservativer Parteien in Europa nicht mehr zu denken – geschweige denn auszusprechen – wagen, ist für die Institution Kirche eine Selbstverständlichkeit. Wie könnte es auch anders sein? Sie hat die überlieferte Lehre – unabhängig vom schwankenden Zeitgeist – unverkürzt zu vertreten.

 

Dass der ORF daran nicht interessiert ist, vermag nicht zu verwundern. Einziges Ziel seiner Mission ist offenbar, Kardinal Schönborn unentwegt mit sogenannten „heißen Eisen“, die die Kirche vermeintlich nunmehr zugunsten der gelebten Praxis „lösen“ wird, zu konfrontieren.

 

 

Kommt der Befreiungsschlag?

 

Da laut vatikanischem Dokument die ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode erst im Jahr 2015 tagen wird, müssen wir noch viele Beiträge und Diskussionen ertragen, die letztlich allesamt ein Ziel haben: die einzige Institution, die sich den heute gültigen sogenannten „Werten“ der westlichen Gesellschaft nicht anzupassen gewillt ist, in ihrer Existenz zu schwächen.

 

Bis 2015 müssen wir noch durchhalten. Vielleicht gibt's dann einen Befreiungsschlag aus Rom, der auch den ORF zur Einsicht bringt.

 

Dr. Michael Etlinger ist Jurist und seit 2002 als Senatsvorsitzender der unabhängigen Kontrollinstanz Bundesvergabeamt tätig.