Ein Auszug aus dem Buch "Komm, Schöpfer Geist" von Raniero Cantalamessa

mit einem Vorwort von Joseph Card. Ratzinger

Ruhen im Heiligen Geist

 

Wenn die Schwäche die Gelegenheit sein kann, um die Erfahrung der Kraft des Geistes zu machen, dann kann die Einsamkeit die Gelegenheit und den Anreiz bieten, die Erfahrung dieses »freundlichen Gastes« zu machen. Aufgrund des Glaubens ist niemand wirklich allein in dieser Welt. Sollten auch alle uns verlassen, er wird uns niemals verlassen: »Er verlässt uns nicht, wenn wir ihn nicht verlassen.« Wenn wir über eine Sache mit niemandem sprechen können, so können wir Schritt für Schritt lernen, mit diesem »diskreten« Gast darüber zu sprechen, der auch ein »vollkommener Tröster« und »wunderbarer Ratgeber« ist.

Als Geheimnis der Ruhe ist der Heilige Geist auch die Antwort auf unsere Unruhe. Unser

Herz ist unruhig, das heißt unbefriedigt, auf der Suche, und eben gerade der Heilige Geist

ist der Ort seiner Ruhe, wo es sich beruhigt und Frieden findet. Unter den gewöhnlichsten

Phänomenen, die man in pfingstlerischen und charismatischen Kreisen beobachten kann,

gibt es die sogenannte »Ruhe im Geist«, eine Erscheinung, die sehr viel Unterscheidungs- vermögen erfordert, der man aber in vielen Fällen einen authentischen spirituellen Charakter nicht absprechen kann. Die vom Geist »berührte« Person fällt zu Boden, aber weich, als ob jemand sie auf dem Fußboden ausstrecken würde; jede geistige Aktivität hört auf, und wenn die betroffene Person danach anderen beschreiben will, was sie in jenen Momenten erlebt hat, findet sie dafür nur ein Wort: Frieden, Frieden, soviel Frieden.

Zum Abschluss dieser unserer Reflexion über die beiden Arten der Offenbarung des Heiligen Geistes müssen wir deutlicher erklären, dass es nicht notwendig und vielleicht nicht einmal möglich ist, den Heiligen Geist gleichzeitig in seinem Aspekt von Kraft und in jenem von Zartheit und Intimität zu erfahren, in seiner Dynamik und in seiner Ruhe. Er hat sich jeweils in der einen und in der anderen Form offenbart, und auch wir erfahren ihn einmal in der einen, einmal in der anderen Weise, je nach dem Bedürfnis, der Verfassung und der Gnade des Augenblicks. Mose nahm Gott auf dem Sinai im Donner und im heftigen Sturm wahr (vgl. Ex 19, 18—19); Elias erspürte ihn auf demselben Berg, dem Horeb, in der sanften, leisen Brise (vgl. l Kon 19, 12).

 

Aus: Seite 35-36

 

Pfingsten ist heute

 

 Im Licht dieser Betrachtungen können wir — so glaube ich—die Neuheit begreifen,

die das Konzil mit dem zitierten Text über die Charismen gebracht hat. Von der Peripherie werden die Charismen zurückgetragen in das Zentrum der Kirche. Von ihnen wird in der dogmatischen Konstitution über die Kirche gesprochen! Sie bilden also einen Teil des innersten Wesens der Kirche, die hierarchisch und charismatisch, Institution und Mysterium ist, die nicht nur von Sakramenten lebt, sondern auch von Charismen. Es ist, als würden in der Praxis beide Lungenflügel der Kirche reaktiviert. Es werden die beiden Richtungen, aus denen der Geist weht, von neuem bestätigt: von oben, über die

Sakramente, die von Christus eingesetzt und dem apostolischen Dienst anvertraut sind, und von unten, aus den Zellen des Leibes, die die Glieder der Kirche sind. Die vollständige Kirche, ein lebendiger Organismus, der vom Geist benetzt wird, ist das Miteinander dieser beiden Kanäle oder das Ergebnis der beiden Richtungen der Gnade.-Die Sakramente sind die Gabe an alle zum Nutzen jedes einzelnen, das Charisma ist die Gabe an jeden einzelnen zum Nutzen aller; die Sakramente sind die Gaben, die der Gesamtheit der Kirche gegeben sind, um die einzelnen zu heiligen, die Charismen sind Gaben, die den einzelnen gegeben sind, um die Gesamtheit zu heiligen. Der Text des II. Vatikanischen Konzils ist nicht nur ein schönes Dokument des Lehramtes geblieben. Die für Pfingsten typischen Charismen sind nicht nur in die Theologie zurückgekehrt, sondern auch in das Leben der Kirche.

Besser als jede Beschreibung hilft ein direkter Bericht von einem der unzähligen Pfingsten, die sich auf lokaler Ebene in der Kirche verwirklichen, zu verstehen, was ein charismatisches Ereignis ist. Ein junger afrikanischer Laie, der in voller Übereinstimmung mit seinen Seelsorgern wirkt, schrieb kürzlich an eine befreundete Person: »Im vergangenen Monat haben wir ein Seminar für neues Leben im Geist organisiert, das vor allem von Universitätsstudenten und einigen Schwestern besucht wurde ... An einem gewissen Punkt wurden die Teilnehmer von Heiligem Geist erfüllt in einer Weise, wie wir es niemals hatten erleben und sehen können. Einige baten Gott nahezu, seinen Geist einzuschränken, weil sie wegen der ausufernden Freude nicht schlafen konnten. Es gab solche, die lange ausgestreckt auf der Erde liegen blieben, die weinten wie ein Kind, die tanzten wie die Engel im Himmel. Die Leute waren wie betrunken von der Liebe Gottes, die in ihre Herzen ausgegossen war. Am Pfingsttag wurden zwei aus unserer Gruppe vom Zelebranten gebeten, einige Worte zu sagen. Einer von ihnen begann mit den Worten: Heute ist Pfingsten, aber wir wollen nicht nur das Pfingsten feiern, das zweitausend Jahre zurückliegt, wir wollen, dass Pfingsten wirklich heute sei! Als sie bald darauf die Hände über die Versammlung ausstreckten (es waren etwa tausend Personen) und mit den Worten: »Komm, Heiliger Geist« zu beten begannen, antwortete der Geist augenblicklich auf die Anrufung, und Hunderte von Menschen, von den robustesten bis zu den schwächsten, fielen zu Boden und erlebten die Ruhe im Geist. Andere erhielten die Befreiung von okkulten und dämonischen Fesseln. Es gab verschiedene physische Heilungen. Viele bekehrten sich zu Gott und ließen von der Sünde ab. Wir hatten niemals ein solches Übermaß an Geist Gottes erlebt.«

Seite 213-215