Wer sind die Kapuziner?

 

Es begann stürmisch

Im Frühjahr 1525 verlässt der Franziskaner Matteo da Bascio ohne die Erlaubnis der Vorgesetzten sein Kloster in Mittelitalien. Er möchte nach dem Beispiel des Ordensgründers Franz von Assisi radikal arm durch die Welt ziehen, sich der Notleidenden annehmen und den Menschen in einfachen Worten predigen. In der eigenen Ordensgemeinschaft hatte er mit seinen Ideen wenig Verständnis gefunden. Sein Oberer reagiert nun mit drastischen Maßnahmen: Er lässt den Klosterflüchtling festnehmen und einsperren. Doch Bruder Matteo hat Glück. Die Herzogin Catarina Cybo von Camerino setzt sich für ihren Landsmann ein. Der charismatische Bruder war ihr schon früher durch seinen mutigen Dienst an den Pestkranken aufgefallen. Durch Vermittlung ihres Onkels, Papst Klemens VII., erreicht sie seine Freilassung.

Im Herbst des gleichen Jahres schließen sich dem Neuerer zwei weitere Franziskaner an: die Brüder Ludovico und Raffaele Tenaglia da Fossombrone. Ihr Orden, der eben erst vom Papst aus zahlreichen Reformströmungen zur "Gemeinschaft der observanten Franziskaner" vereinigt wurde, befürchtet nicht ohne Grund ein erneutes Abbröckeln von Splittergruppen. Der Provinzobere, Giovanni da Fano, greift deshalb hart durch und versucht, der drei Brüder mit Waffengewalt habhaft zu werden. Diese jedoch verstecken sich bei den Kamaldolenser-Eremiten in den Bergen und entkommen, verkleidet in den weißen Kutten ihrer Gastgeber. Daraufhin werden sie im Frühjahr offiziell aus der Kirche ausgeschlossen.

 

Erste Anerkennung - das Ordenskleid - der Name

Wieder ist es Catarina Cybo, die für die Brüder eintritt. Auf ihre Fürsprache hin nimmt der zuständige Ortsbischof die Verfolgten in seine Obhut und gestattet ihnen, ihre Wanderpredigt fortzuführen. Eine karge Einsiedelei bei Camerino dient als Zuhause.

1527 wütet im Herzogtum Camerino erneut die Pest. Der furchtlose Einsatz der drei Brüder für die Sterbenden veranlasst Catarina Cybo, zugunsten der Gruppe von ihrem Onkel, dem Papst, ein Schutzschreiben zu erwirken. Das entsprechende Dokument vom Mai 1528 mit dem lateinischen Namen "Religionis zelus" gilt als Gründungsurkunde einer neuen Reformbewegung.

Der Papst erlaubt den Brüdern in diesem Schreiben das Tragen einer kastanienbraunen Kutte mit einer spitzen Kapuze als Zeichen ihres radikalen Lebens nach dem Beispiel des Franz von Assisi. Sie dürfen die Wanderpredigt ausüben, eigene Obere wählen und weitere Brüder in ihre Niederlassung aufnehmen.

Wegen der Kapuze werden die Reformer vom Volk Kapuziner genannt.

 

 

 

 

Der neue Orden

Das ist ein Durchbruch, der seine Wirkung nicht verfehlt. Aus den Reihen der observanten Franziskaner stoßen mehr und mehr reformwillige Brüder zu dieser neuen Gruppe. 1529 zählt die Gemeinschaft bereits dreißig Mitglieder in vier Niederlassungen. Die Brüder wählen Ludovico zu ihrem Generalkommissar. Trotz verschiedener päpstlicher Einschränkungen hält die Übertrittswelle an. Alle Versuche der Observanten, die verlorenen Brüder zurückzuholen, scheitern. Im Jahr 1534 schließt sich zusammen mit anderen prominenten Franziskanern auch Giovanni da Fano den Kapuzinern an. Damit wendet sich jener Obere, der vor nicht langer Zeit die ersten Brüder mit Waffengewalt verfolgt hatte, nun selbst der Reform zu.

Die junge Gemeinschaft hatte schwere Krisen durchzustehen. Der Initiator der Bewegung, Matteo da Bascio, konnte sich der Gemeinschaft nicht einfügen und kehrte schließlich zu den Observanten zurück. Ludwig von Fossombrone, einer der Mitbegründer, konnte es nicht verwinden, dass er nicht als Oberer wiedergewählt wurde; er verweigerte den Gehorsam und wurde ausgeschlossen. Das Ende der Reformgruppe schien schließlich gekommen, als der Generalvikar Bernardin Ochino, ein gefeierter Prediger, den Kapuzinerorden verließ und zum Protestantismus übertrat. Wieder wird eine Frau zur Retterin: die Dichterin Vittoria Colonna, die - bei allem menschlichen Versagen - das wahre Anliegen der Reform erkannte und bei Papst und Kaiser die Aufhebung des Ordens verhindern konnte.

 

Ausbreitung über die Alpen

Für die spätere Ausbreitung des Kapuzinerordens spielt das Konzil von Trient (1545 - 1562) eine entscheidende Rolle. Zu dieser Zeit leitet Bernardino d'Asti die Gemeinschaft. Da er an den Beratungen des Konzils teilnimmt, werden nicht nur die Bischöfe Italiens, sondern auch die Vertreter anderer Länder Europas auf den neuen Orden aufmerksam.1574 erlaubt Papst Gregor XIII. den Kapuzinern die Ausbreitung über Italien hinaus. Noch im gleichen Jahr fassen die Brüder in Frankreich Fuß. 1578 gelangen sie nach Spanien und 1581 in den deutschen Sprachraum. Von Mailand aus wird zunächst die Schweizer Provinz gegründet. Bald folgen erste Niederlassungen in Belgien, Österreich und Böhmen. 1600 kommen die Kapuziner nach Bayern, nach Wien und nach Prag, 1611 nach Westfalen und 1615 nach Irland.

Hundert Jahre nach Matteos Flucht zählt der Orden über 40 Provinzen mit beinahe zwanzigtausend Brüdern in annähernd 1200 Niederlassungen. Nördlich der Alpen wachsen die Kapuziner - neben den Jesuiten - zur stärksten Kraft der katholischen Erneuerung heran. Auch galten sie seit jeher als die "frati del popolo" - die "Brüder der (kleinen) Leute."

 

Heute ist der Kapuzinerorden mit ca. 11.000 Mitgliedern in aller Welt - nach den Franziskanern - die zweitstärkste franziskanische Ordensgemeinschaft.